Ihre Version des Spiels

IHRE VERSION DES SPIELS_078Wer gerne dabei ist, wenn angesagte Schriftsteller lesen und Journalisten ihnen dazu kluge Fragen stellen, wird sich im Horizont-Theater amüsieren: Star-Dramatikerin Yasmina Reza beschreibt bissig „Ihre Version des Spiels“ – schön böse in Szene gesetzt von Christos Nicopoulos und Katharina Cromme. 

Ist es oder ist es nicht autobiografisch, dieses Stück? Fragt man sich unwillkürlich und hat sich schon verfangen in Rezas Netz. Wir spielen eben alle mit. Das Publikum im Saal ist auch das der Lesung, die in der Mehrzweckhalle des Provinznests Vilan-en-Volène stattfinden wird. Es treten an: Die gefeierte Schriftstellerin Nathalie Oppermann mit ihrem neuen Buch „Das Land des Überdrusses“. Ihre Kontrahentin, die Journalistin Rosanna Ertel-Keval. Bestrebt, der als sperrig geltenden Autorin in ihrem Roman über eine kriselnde Schriftstellerin persönliche Bezüge nachzuweisen. Und der brave Bibliothekar Roland Boulanger, dessen Einladung Oppermann ausnahmsweise gefolgt ist. Neonlicht flackert auf über der Szenerie, ein Tischchen und Stühle, Lesepult, die Autorin (im kleinen Grünen schon gestylt für den Auftritt) telefoniert noch wegen eines Nachtischs mit Zuhause – Jan Pawlowskis Bühne ist zum Einstieg schon schmerzlich öde realistisch. Dann das erste Glanzlicht: In der ausgestellt gebildeten Einführungsrede des eifrigen Gastgebers Roland trifft Thomas Wenzel den bei derlei Anlässen üblichen servilen Ton zum Aufjaulen genau.

Die Frauen stehen dem in Nichts nach. Claudia Holzapfel erscheint kühl kontrolliert und elegant als Nathalie Oppermann. Doch Anne Schröder zeigt im knallroten engen Kleid, dass ihre selbstbewusste junge Journalistin keineswegs die zweite Geige spielen will. Im Gegenteil: Der Ton, mit dem Rosanna Nathalie von Anfang an unter Druck setzt, ist gereizt. Mit maliziös freundlichem Lächeln („wir sind gespannt“) befragt sie die Autorin über das Seelenleben ihrer Hauptfi gur, die Schriftstellerin Gabrielle, die soeben das Buch „Ihre Version des Spiels“ geschrieben hat. Dass Autorin und Hauptfigur nicht identisch sind, lässt sie nicht gelten, fragt nach Nathalies Kindheit, Mode, Männerbild, Schreiben und Literaturverständnis und bringt mit ihrer wachsenden Ungeduld die widerwillige Oppermann zunehmend aus der Fassung.

Anne Schröder stattet ihre ehrgeizige Rosanna schön mit verletzbarer Eitelkeit aus. Vor allem aber brilliert hier Claudia Holzapfel, die alle Register zwischen Arroganz, Verunsicherung und Wut zieht, wenn Nathalie ihre Privatsphäre verteidigt. Die Satire über den Literaturbetrieb unterhält bestens, doch auch die straffe Inszenierung verliert gelegentlich an Spannung – Rezas eigenes (?) Thema erscheint auf Dauer etwas eindimensional. Eine Schluss-Sequenz, in der sich die drei Protagonisten nach vollendetem Lesungsdebakel noch ein Gelage mit dem Bürgermeister liefern, ist auch dank des als Politiker köstlich chargierenden Georg B. Lenzen zwar sehr lustig, wirkt aber letztlich von Reza etwas hilflos angeklebt.

BRIGITTE SCHMITZ-KUNKEL  in der ölner Theaterzeitung AKt